Seen sehen, Tag 1: Von Dedelow zum Gleuensee

3 Tage (mit Unterbrechung) wandern durch die Uckermark, 3 Tage Wälder, Felder, Seen und Bäche, dass einem das Herz aufgeht. Dazu Schweiß, Blasen, Mücken und unheimliche Gehöfte. Die Abenteuer liegen direkt vor der Haustür.

Warum in der Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah - denke ich mir Pfingsten 2008 und beschließe, eine schöne große Runde durch die Uckermark zu wandern. Herrliches Wetter, warm, sonnig, einen großen Rucksack von 13 kg auf dem Rücken, ein kleines Zelt darin, Schlafsack, was zum Essen und Trinken; was braucht man mehr, wenn das Bewegen mit Hilfe der eigenen Beine einem mehr Spaß macht als alles andere. Ich will in drei Tagen von Dedelow über Templin und Lychen nach Feldberg wandern, auf diversen uckermärkischen Wanderrouten und in einem großen Halbkreis durch den Naturpark Uckermärkische Seen.

Blick nach PrenzlauNach wenigen Schritten hole ich kurz hinter Dedelow den Fotoapparat raus und will das erste Foto schießen. Natürlich schlägt Murphys Gesetz ("Wenn etwas schiefgehen kann, dann wird es auch schiefgehen.") sofort zu: Der Apparat ist tot und lässt sich erst wiederbeleben, indem ich die Akkus rausnehme und wieder einstecke; selbstverständlich sind jetzt auch Datum und Uhrzeit auf 0. Also alles im Gehen neu einstellen und dann das erste Bild über den blühenden Raps und Klinkow hinweg auf die Prenzlauer Marienkirche geschossen.

Schild am Naturpark Uckermärkische SeenAb Basedow gehe ich auf dem Uckermärkischen Radrundweg, wie mir die empfehlenswerte "Radwander- und Freizeitkarte Uckermark" vom Pietruska-Verlag verrät. Bis Güstow bleibe ich noch auf der mäßig befahrenen Straße, passiere den Ort und gelange am Rand von Güstow an die Grenze des Naturparks Uckermärkische Seen. Für viele Kilometer wird mein Weg jetzt immer an der Grenze des Naturparks entlang führen.

Blühende Obstbäume zwischen Güstow und GollmitzKälbchen bei GüstowKurz hinter  Güstow liegt plötzlich ein Kälbchen am Wegesrand im Schatten eines Baumes. "Oh, wie niedlich!" denke ich und wundere mich, wie es über den Zaun gekommen ist. Jenseits des Zaunes steht allerdings die offensichtlich sehr beunruhigte Mutter Kuh, was mich meinen Schritt beschleunigen lässt - nein, ich will ihrem Kind nichts tun.

Am Wegesrand bis Gollmitz - jetzt bin ich gleichzeitig auf dem "Uckermärkischen Radrundweg", der "Gutsherrenradtour" und der "Schloß- & Kirchentour" - stehen herrlich blühende Kirsch- und Apfelbäume, die Bienen summen und es duftet nach Frühling.

Gutshaus in GollmitzWasserrad in GollmitzIm Gollmitzer Dorfkonsum versorge ich mich mit Brötchen, Bouletten und Brause für die nächste Rast. Anschließend stehe ich staunend vor dem restaurierten Gutshaus mit dem riesigen Mühlstein vor der Tür. Neben dem Gutshaus bewundere ich noch mehr ein voll funktionsfähiges Wasserrad, das von einem Bächlein mit dem irreführenden Namen "Der Strom" angetrieben wird. Eine freundliche alte Frau fragt mich, wo ich hinwolle und weist mir den Weg nach Kröchlendorff. Ich bedanke mich artig, auch wenn man in die Richtung, in die ich gehe, zwingend nach Kröchlendorff kommen muss.

Schloss KröchlendorffIn Kröchlendorff mache ich Rast vor dem Schloss im Schatten alter Bäume, verspeise meine Brötchen mit Bouletten und spüle mit klebriger Brause hinterher (Apfelschorle oder so was gab es  nicht).  Ich bin erst ca. 10 Kilometer gewandert, verspüre aber unter den Fußsohlen schon ein unangenehmes Gefühl.  Es ist auch schon ziemlich warm; zum Glück geht es jetzt rein in den Wald. Allerdings wird es an der nächsten Weggabelung etwas schwierig, Karte, Wegweiser und Pfad in Übereinstimmung zu bringen: Wo muss ich jetzt eigentlich lang? Kurz entschlossen wähle ich den rechten Abzweig, von Zweifeln geplagt, ob dies auch der richtige Weg sei...Wegweiser in KröchlendorffWeggabelung in Kröchlendorff

Am Ende des IrrwegsEs ist natürlich nicht der richtige Weg. Der Pfad endet nach zwei Kilometern unvermittelt in einer Wiese, aus der anmutige Vögel auffliegen - nur weiter geht es eben nicht. Also ein ganzes Ende zurück, im Kopf die erste Ableitung von Murphys Gesetz des GPS-losen Wanderers ("Wenn du an eine unbekannte Weggabelung kommst, wirst du den falschen Weg wählen. Dieser falsche Weg wird auch nicht in deiner Karte aufgemalt sein, so dass du den richtigen Pfad nur nach Gefühl finden wirst.")

Wieder auf dem richtigen WegWegweiser nach BoitzenburgNachdem ich eine halbe Stunde durch den Wald irre und beunruhigt über die Rückkehr der Wölfe nach Brandenburg nachsinne, bin ich nicht wenig erleichtert, auf den vertrauten Wegweiser zu stoßen. Die Zivilisation hat mich wieder! Vorn ist das Licht! Trotz der 13 Kilo auf dem Rücken geht es gleich wieder viel leichter.


Kopfsteinpflaster vor WichmannsdorfWichmannsdorfZwar geht es jetzt durch einen schönen Waldweg; das rustikale Kopfsteinpflaster und die Zuckersandpassagen sind aber nicht unbedingt eine Wohltat für die Füße. Wer auf diesem Abschnitt des Uckermärkischen Radrundweges fahren will, sollte das wohl eher mit einem geländetauglichen Fahrrad versuchen.

Am frühen Nachmittag erreiche ich schließlich Wichmannsdorf und den Uckermärkischen Rundwanderweg. Eigentlich müsste ich ja jetzt mal meine Wasserflasche nachfüllen, aber ich finde keinen Friedhof (bei meinen langen Sonntags-Ausdauerläufen sind Friedhofs-Wasserhähne üblicherweise meine Wasserflaschen-Nachfüllstationen), und ein Dorfkonsum ist auch nicht in Sicht.

In SternthalRast hinter WichmannsdorfHinter Wichmannsdorf fülle ich die Kohlehydrat- und Proteinspeicher nach, während im Ort die Sirenen heulen und Minuten später die örtliche Feuerwehr an mir vorbeirast. In der Nachmittagshitze schultere ich meinen Rucksack wieder, marschiere weiter und gucke im nächsten Ort verstohlen immer wieder gen Himmel, ob da eventuell Goldstücke auf mich herabregnen - schließlich heißt das Dorf Sternthal. Leider werde ich enttäuscht; es regnet nur Blütenblätter und die Dorfköter bellen mich an.

AsphaltblasenTrebowsee bei HerzfeldeLangsam wird es anstrengend. Ich habe mittlerweile 25 km in den Füßen und es ist so heiß, dass der Asphalt Blasen schlägt. So ähnlich muss es wohl auch unter meinen Füßen aussehen; die Wanderstiefel der Firma mit dem übersetzten Namen Hans Wolfshaut lassen nicht vermuten, dass sie eine Klimamembran haben. Sehnsüchtig schaue ich hinüber zum Trebowsee, der von weitem in der Sonne blinkt. Nur keine Müdigkeit; ich habe noch einige Kilometer vor mir.

Labetrunk in KlosterwaldeZwischen Herzfelde und KlosterwaldeDurch Herzfelde, durch Wälder und Felder geht es in Richtung Klosterwalde. Die weite, leicht wellige Landschaft ist herrlich; das Gehen fällt aber immer schwerer. Unangenehme Diagnosen wie "Dehydrierung" gehen mir durch den Kopf. Dann, in Klosterwalde, naht die Rettung: Das Gasthaus "Zur Walnuß" hat die Gartenpforte einladend geöffnet, und so sitze ich schließlich glücklich unter besagtem Walnußbaum im Garten, vor mir ein leuchtend gelbes Berliner Kindl, dann noch eines. Gerettet - mein Wasserhaushalt ist wieder ausgeglichen, Kohlehydrate und Mineralien sind auch wieder nachgefüllt. Eigentlich würde ich an diesem gastlichen Ort ja gern sitzenbleiben, aber die Wirtin sagt, dass es bis zum Zeltplatz Gleuensee nicht mehr weit sei. Nun ja; ich habe aber schon 30 Kilometer in den Beinen...

Wegweiser zum GleuenseeVorfreudeDie Wirtin hatte recht: Noch in Herzfelde zeigt mir ein Wegweiser, wo ich hin will, und als ich kurz hinter dem Ort dann noch die Ankündigung eines Biergartens auf dem Zeltplatz entdecke, wird mein Schritt leicht und beschwingt. Nur noch zwei Kilometer auf der Straße, dann rechts weg und ich bin endlich, nach insgesamt 35 Kilometern, am Ziel der ersten Tagesetappe.

Gartenzwergparade am Zeltplatz GleuenseeBeim Zeltplatzverwalter frage ich schüchtern, ob evtl. noch ein Platz für ein kleines Einmannzelt frei sei. Er grinst, weist auf die riesigen freien Flächen seines Reiches und raunt:" Oh, das wird schwer; wir haben nur 10 Hektar!" Er sagt, ich solle mir einen Platz suchen, es sei noch alles frei; wenn ich wolle, könne ich auch zur Camperwiese unten am See gehen. Ich zahle meinen Obolus und er fragt noch, ob ich duschen wolle, was ich freudig bejahe. Dafür bekomme ich eine Plastikkarte, für die ein Pfand zu entrichten ist. Er meint, 90 Sekunden würden sicher reichen. Ich schaue ihn verständnislos an; meine letzten Zeltplatzerfahrungen stammen aus tiefster DDR-Vergangenheit, als Plastikkarten zum Duschen völlig unbekannt waren, und so vertraue ich ihm blind.

Ich will natürlich zur Camperwiese am See, stapfe den Weg zum See hinunter, passiere eine Zusammenrottung schauderhaft spießiger Gartenzwerge, hoffe, dass ich noch ein freies Plätzchen auf eben jener Camperwiese bekomme...

Camperwiese am Gleuensee... und finde mich mutterseelenallein dort wieder. (Erst später abends kommt noch ein zweites Zelt dazu.) Auch nicht schlecht. Also baue ich schnell mein winziges Zelt auf. Anschließend benutze ich zum ersten mal im Leben so ein neumodisches Ding von "selbstaufblasender Isomatte": Ich breite sie aus, öffne den Stöpsel, warte, dass sich das Wunderwerk westeuropäischer Hochtechnologie mit lautem Pfeifen selbst aufbläht - nichts passiert. Na ja, also puste ich aus Leibeskräften selbst hinein; später werde ich feststellen, dass man darauf doch sehr komfortabel schlafen kann.

Jetzt noch eine Dusche und anschließend noch ein schönes Bier! Ich stakse wieder hoch und ins Sanitärgebäude - und komme aus dem Staunen kaum noch heraus. In meiner DDR-Erinnerung sind Zeltplatz-Sanitärgebäude nach Schweiß riechende unansehnliche Gebäude mit billigen Plastewasserhähnen, steinernen Fußwaschbecken und ramponierten Bänken auf rauhem Betonboden. So also sieht ein Sanitärgebäude des 21. Jahrhunderts aus: blitzsauber, hell, freundlich, niegelnagelneue Sanitärkeramik - ich staune und bin beeindruckt. Als ich allerdings meine Schuhe und Socken ausziehe, ist die Freude schnell verflogen: Aufgeweichte schwammige weiße Schrumpelhaut und einige herzhafte Blasen. Das kann ja heiter werden. Heiter wird auch das Duschen: Ich stehe ratlos nackend unter der Dusche - wie drehe ich jetzt bitte das Wasser an?! Kein Wasserhahn, nur ein unscheinbarer Knopf und ein Display. Irgendwas war doch mit der Karte? Ah ja, man muss die Karte vor den Sensor halte, dann den Knopf drücken und dann kommt tatsächlich Wasser, schönes heißes Wasser. Das Display fängt beunruhigend schnell an, von 90 Sekunden an herabzuzählen. Aber wie zum Teufel soll ich mich jetzt mit einer Hand waschen, da ich doch mit der anderen Hand die dämliche Karte vor den Sensor halten muss?! Ich verfluche die Ingenieure, die sich so was ausdenken, bis sich mir nach 30 Sekunden der Sinn der Schiene erschließt, in die man die Karte vor dem Sensor einschieben kann. Na bitte, mit 2 freien Händen schafft man es doch bequem, sich in den verbleibenden 60 Wasser-Sekunden ordentlich zu waschen!

Abend am GleuenseeNach dem Duschen freue ich mich auf ein oder zwei schöne Abendbiere, gehe um die Ecke zur Kneipe, sehe den Wirt die Terrasse gerade abspülen - und mein Magen zieht sich zu einem sauren Knoten zusammen: Die Kneipe schließt um 18 Uhr, jetzt ist es 19 Uhr - neeeiiin! Der Wirt muss wohl das Entsetzen in meinem Gesicht gesehen haben, und die Wirtin zapft mir eine Stunde nach Schankschluss trotzdem noch ein schönes großes Pils - ich bin ihnen unendlich dankbar.

Mit meinen geschundenen Füßen stapfe ich wieder hinunter zum See. Es ist ein herrlicher Abend; die Sonne scheint mild auf den See, im Schilf machen die Enten "Kröck! Kröck!", ab und zu plätschert ein Fisch. Was für eine beruhigende Abendstimmung. Als ich vor dem Zelt sitze und mein karges Abendmahl verspeise, ahne ich allerdings, warum ich hier unten fast allein bin: Aus dem nahegelegenen Sumpf ziehen drohend enorme Mückenschwärme heran und attackieren mich. Also verstecke ich mich schon bald in dem winzigen Zelt, schließe das Moskitonetz und lausche noch lange dem langsam verstummenden Zwitschern zahlloser verschiedener Vögel, bevor ich wie ein Stein schlafe.



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Letzte Änderung: 12.5.2009
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