Die Oderflut 1997 in der Uckermark

Vor der Jahrtausendflut an der Elbe 2002 gab es 1997 die Jahrhundertflut an der Oder. Die Uckermark war davon auch betroffen, wenn auch die Ausmaße nicht so entsetzlich waren wie an der Elbe.

Auch die Uckermark war im Juli/ August 1997 von der Hochwasserkatastrophe an der Oder betroffen. Dieses Sommerhochwasser, das als die "Jahrhundertflut" (einige sprechen von der "Jahrtausendflut") in die Geschichte Brandenburgs eingehen wird, brachte auch für die Uckermärker Angst, schlaflose Nächte und unruhige Tage, kostete Nerven und nicht zuletzt auch viel Geld. Daß in der Uckermark, im Gegensatz zum südlichen Brandenburg, die Flut sich nicht zur Katastrophe auswuchs, war dem Einsatz zahlloser Helfer und einigen natürlichen Gegebenheiten zu verdanken. In den Medien ist die Uckermark kaum erwähnt worden- dort konzentrierte man sich zunächst auf die Stadt Frankfurt/Oder und später auf die Ziltendorfer Niederung und das Oderbruch. Trotzdem gab es auch hier hochdramatische Stunden, die von den Helfern vor Ort und den Stäben und Einsatzleitungen alles abverlangten. Aber so, wie die Uckermärker sind, haben sie auch diese dramatischen Tage bewältigt: Man tat ruhig, aber konzentriert, seine Arbeit, machte darum nicht viel Aufhebens, und wo jemand Hilfe brauchte oder in Not geriet, faßten seine Nachbarn, Bekannte oder die vielen Helfer ohne viel zu fragen mit an.

Betroffen von dem Jahrhunderthochwasser waren die uckermärkischen Orte entlang der Oder sowie der Hohensaaten- Friedrichsthaler Wasserstraße (HFW). Letztere ist ein Kanal, der bei Hohenssaten (ca. 10 km südlich der Kreisgrenze) von der sogenannten "Alten Oder" abzweigt, ca. 40 km an der Kreisgrenze entlang verläuft und bei Friedrichsthal wieder in die Oder mündet. An diesem Kanal liegen unter anderem die Orte Stolpe, Stützkow, Criewen, Zützen, Gatow und Friedrichsthal und vor allem die 35000-Einwohner-Stadt Schwedt/Oder. Nördlich der Einmündung der HFW in die Oder waren auch die Orte Gartz und Mescherin von dem Hochwasser bedroht.

Eine Besonderheit im uckermärkischen Oderland, die offenbar auch ihren Beitrag zur Verhinderung der Katastrophe geleistet hat, sind die weiten Polderflächen zwischen der Oder und der HFW. Dabei handelt es sich um riesige Flußauen, die den größten Teil des Jahres trockenliegen, aber bei Hochwasser geflutet werden können. Dabei kann sich das Wasser über eine große Fläche ausbreiten und nimmt damit einen Teil des riesigen Wasserdruckes von den Deichen. Diese Polder wurden zu Beginn des Hochwassers (auch auf Bitten des Wojewoden von Sczcecin, das nur einige Kilometer weiter flußabwärts liegt) geflutet und nahmen damit große Mengen Wasser auf. Die gefluteten Polder bieten ein einmaliges Naturschauspiel: Während die Oder sonst nur einige Dutzend Meter breit ist, verwandeln sich die Polder bei Flutung in ein riesiges Meer, das bis unmittelbar an die Stadt Schwedt heranreicht. Da die Winterdeiche höher reichen als das Niveau der an die Deiche grenzenden Stadtteile, bietet sich von dort ein faszinierendes, aber auch unheimliches Bild: Man schaut regelrecht von unten auf das "Meer" dessen Oberfläche über einem liegt. Das Poldergebiet bildet übrigens den größten Teil des Nationalparkes "Unteres Odertal", das eine in Europa einzigartige Flußauenlandschaft darstellt.

Nachfolgend eine kurze Chronik der Ereignisse in jenen denkwürdigen Wochen im Juli/ August 1997 am uckermärkischen Abschnitt der Oder:

11.7.1997:    
Als ersichtlich wird, daß die Hochwasserwelle aus Tschechien und Polen heran nach Deutschland rollt, wird in der Uckermark ein Krisenstab gebildet.

15.7.1997:
Die Polder A und B bei Schwedt, die zusammen eine Fläche von 3200 Hektar haben, werden geflutet. 100 Millionen Kubikmeter Wasser können einfließen und nehmen so Druck von den Deichen.
 
17.7.1997:
Der Polder 10 bei Schwedt mit einer Größe von 1800 Hektar wird ebenfalls geflutet; er kann nochmals 70 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Das Landesumweltamt ruft die Alarmstufe 1 aus.

18.7.1997:
Der Krisenstab wird erweitert. Es wird ein Bürgertelefon geschaltet.

19.7.1997:
Im Krisenstab werden Polizei, Bundesgrenzschutz, Landesumweltamt und Wasser- und Bodenverband hinzugezogen. Es werden 5 Sandsackfüllplätze im Oderbereich eingerichtet.

20.7.1997:
Es wird die Alarmstufe 2 festgelegt. Die Leiter der Einsatzabschnitte sowie die örtlichen Ordnungsbehörden werden eingewiesen.

21.7.1997:
Es wird die Alarmstufe 3 festgelegt. Der für die Uckermark wichtige Pegel in Stützkow, der normal 6,00 Meter beträgt, hat inzwischen 9,05 Meter erreicht. Vor Ort in Schwedt nimmt eine Technische Einsatzleitung die Arbeit auf, die unmittelbar an der Oder die Arbeiten koordiniert, während die strategischen Entscheidungen im Krisenstab in Prenzlau getroffen werden. Über 100 Deichläufer kontrollieren Tag und Nacht die 43,7 km Deiche auf Sickerstellen. An den Sandsackfüllstellen werden im Akkord Zehntausende Sandsäcke gefüllt und mit Kleintransportern auf die zunehmend weicher werdenden Deiche gefahren.

22.7.1997:
Der Pegel in Stützkow hat bereits 9,64 Meter ereicht und steigt weiter. Es werden vorsorglich Gespräche mit Bundeswehr und BGS geführt, um im Ernstfall schnell Hilfe anfordern zu können. Das Betreten und Befahren der Polder, die Jagd und das Angeln dort werden verboten.

23.7.1997:
Durch den stetigen Anstieg der Oder entsteht ein Rückstau in der HFW, die zu einem starken Anstieg des Pegels in diesem Kanal führt. Bei den in der Nähe des Kanals lebenden Menschen in der Stadt Schwedt und den Dörfern steigt die Unruhe mit dem Wasserspiegel. Es werden weitere 50.000 Sandsäcke aus dem Katastrophenschutzlager Beeskow angefordert. Gegen Mittag bricht an 2 Stellen an der Schwedter Querfahrt (Verbindung Oder-HFW) der Sommerdeich; Gefahr für die Menschen besteht aber nicht.

24.7.1997:
Der Pegel Stützkow hat nunmehr bereits 9,98 Meter. Vorsorglich wird das in Nähe des Kanals liegende Schwedter Klinikum mit Tausenden weiterer Sandsäcke versorgt. Der Dauerregen erschwert die Situation weiter und fordert den zahllosen Hilfskräften das Letzte ab. Vor Ort sind inzwischen eine Reihe von Spezialisten auch aus anderen Bundesländern tätig. Zahlreiche Hilfsangebote kommen aus ganz Deutschland. Für die vielen Spendenangebote richtet die Kreisverwaltung ein Sonderkonto ein. Da am Lunow-Stolper Polder verstärkt Sickerstellen auftreten, wird beschlossen, diesen Trockenpolder mit einer Größe von 900 Hektar nicht mehr abzupumpen, um dadurch einen Gegendruck zu schaffen.

25.7.1997:
Für die Befestigung der Deiche werden Tausende von Faschinen (Bündel aus Reisig und kleinen Bäumen) benötigt. In den Wäldern der ganzen Uckermark und darüber hinaus in ganz Brandenburg werden in den nächsten Tagen Hunderte Forstarbeiter, Arbeitslose, Soldaten und viele andere Freiwillige diese Faschinen binden.

26.7.1997:
Der Pegel in Stützkow ist leicht gefallen. Trotzdem spitzt sich die Situation dramatisch zu. Das Oderbruch ist akut bedroht. Noch ist nicht genau bekannt, welche Folgen ein Deichbruch bei Hohenwutzen oder anderswo im Oderbruch für die nördlicher gelegene Uckermark hätte.

27.7.1997:
Der Landrat bittet weitere Bürger, bei der Faschinenherstellung in den Wäldern zu helfen; der Bedarf dafür wächst ständig. An der Oder sind weiterhin Hunderte Helfer bis zur Erschöpfung an den Sandsackfüllstellen, beim Verbau von Sickerstellen an den Deichen, als Deichläufer, in den Stäben und anderswo im Einsatz.

28.7.1997:
Der Pegel steigt wieder. Die 190 Einsatzkräfte pro Schicht bessern unermüdlich Sickerstellen am Lunow-Stolper Polder, bei Gartz und bei Stützkow aus. Die Bundeswehr wird in der Uckermark stationiert und hilft zuerst in Stolpe.

29.7.1997:
In Stützkow wird mit 10,09 Meter der Rekordpegel gemessen. Die Bundeswehr löst mit 250 Mann im Raum Stolpe die seit Tagen im Einsatz befindlichen Männer der freiwilligen Feuerwehren ab. Im Krisenstab stellt ein Spezialist die Folgen möglicher Deichbrüche dar, über die am gleichen Tag die Bevölkerung informiert wird. Danach ergäben sich mögliche Szenarien:

Szenario 1:
Ein Deich im Oderbruch (z.B. bei Hohenwutzen) bricht. Die Folge wäre eine großflächige Überflutung des Oderbruchs innerhalb von 3-4 Tagen. Diese Wassermassen würden über die "Alte Oder" in die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße fließen können. In der HFW wäre mit einem Pegelanstieg um ca. einen Meter zu rechnen. Das bedeutet, daß im Raum Stolpe Flächen unterhalb von 5m über NN, in Schwedt Flächen unterhalb 3 m über NN und im Raum Friedrichsthal Flächen unterhalb 2 m über NN gefährdet wären.

Szenario 2:
Der Hauptoderdeich und/oder der Querdeich in Stützkow halten der Belastung nicht stand. In der Folge würde der Lunow-Stolper Polder vollaufen. Nach ca. 2 Tagen ist damit zu rechnen, daß über die Polderdeiche das Wasser in die HFW fließt, was wiederum einen Pegelanstieg um ca. 1 Meter zur Folge hätte. Folgen siehe Szenario 1.

30.7.1997:
Eine weitere Viertelmillion Sandsäcke kommt an. Innenminister Ziel und Umweltminister Platzeck machen sich in der Uckermark ein Bild von der Lage. Die Lage am Deich bei Hohenwutzen (Oderbruch) spitzt sich zu; nach einem Abrutsch auf einer Länge von 50 Metern droht der Deich zu brechen. Er kann nur durch den heldenhaften Einsatz von Bundeswehrsoldaten gerettet werden und damit auch eine Überflutung von Gebieten in der Uckermark verhindert werden.

31.7.1997:
Wegen der Dauerbelastung und der zunehmenden Durchfeuchtung der Deiche ruft der Landrat die höchste Alarmstufe 4 aus. Die Zahl der in der Uckermark stationierten Soldaten der Bundeswehr wird auf 600 erhöht. Es wird mit Impfungen gefährdeter Personen gegen Hepatitis und Typhus begonnen. Die Stadt Schwedt und die Dörfer an der Oder erfassen auf der Grundlage präzisierter Karten mit Höhenlinien alle im Falle eines Deichbruches gefährdeten Gebiete und Objekte.

1.8.1997:
Der Krisenstab führt Beratungen mit den örtlichen Ordnungsbehörden durch und spricht die Konsequenzen aus der Alarmstufe 4 ab. An der Oder wird weiterhin um jeden Meter Deich gekämpft.

2./3.8.1997:
In der Stadt Schwedt werden in einer großen Aktion von den Einwohnern, der Bundeswehr, der Feuerwehr und vielen anderen Helfern Hunderte Meter eines meterhohen Sandsackwalles am Kanal aufgebaut, um im Falle eines Deichbruches die Stadt vor dem Wasser zu schützen. Durch den Rückstau tritt der Kanal an einigen Stellen schon über das Ufer. Auch in der Stadt Vierraden tritt die Welse, die wegen des Rückstaus aus dem Kanal nicht abfließen kann, über das Ufer.

4.8.1997:
Oder und Kanal beginnen allmählich zu sinken. Wegen der nach wie vor dramatischen Situation bei Hohenwutzen wird aber die Alarmstufe 4 beibehalten.

5.8.1997:
Das Wasser sinkt weiter. Der Landrat bittet die Bundeswehr, bei den Aufräumarbeiten nach der Flut zu helfen. Auf dem Spendenkonto der Kreisverwaltung gehen Tag für Tag weitere Spenden ein.

7.8.1997:
Erstmals gibt es in der Nacht keine besonderen Vorkommnisse. Die Lage stabilisiert sich zunehmend.

10.8.1997:
Ministerpräsident Stolpe besucht die Uckermark. Am Abend wird die Alarmstufe 3 festgelegt.

11.8.1997:
Die Alarmstufe 2 wird ausgerufen. Krisenstab und technische Einsatzleitung stellen ihre Arbeit ein. Der Landrat dankt allen, die geholfen haben, eine Katastrophe zu verhindern. Die direkten Folgen des Hochwassers waren in der Uckermark nicht so dramatisch wie im südlichen Brandenburg. Trotzdem werden später finanzielle Folgen in Millionenhöhe ermittelt, vor allem aus Kosten der Hilfsmaßnahmen, Ausfällen der Landwirte und aus Schäden an Gebäuden und Anlagen in der Nähe der Oder und des Kanals.


Das Hochwasser bewirkte in ganz Brandenburg folgende Schäden:

P.S.: Der Verfasser hat das Hochwasser am Bürgertelefon des Krisenstabes von Anfang bis Ende miterlebt. Es war ein ständiges Schwanken zwischen der Angst und der Hoffnung, die zahllosen Helfer könnten die Katastrophe verhindern. Gleichzeitig war es beeindruckend, welche Welle an Hilfsbereitschaft, Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl aus ganz Deutschland hier ankam. Hoffentlich lernen wir aus der Oderflut. Inzwischen, wenige Jahre nach der Flut, hört man schon wieder, wie zäh sich die Anstrengungen zur Schaffung von Überflutungsflächen und anderen Hochwasserschutzmaßnahmen anlassen. Die Menschen vergessen ziemlich schnell...



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Letzte Änderung: 10.3.2005
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