Uckermärkische Küche

"Vespern so draußen allein am Feldrand, das gut belegte Brot oder ein Stück Speck in der Linken und das Taschenmesser in der Rechten, und dann so übern Daumen geschnitten, den Himmel über sich und Gottes Gnade um sich, dafür ließ Pastor Breithaupt gern einen gedeckten Tisch stehen." (Ehm Welk: Die Heiden von Kummerow)

Kalit Wenn man die Eßgewohnheiten der Menschen dieses Landstriches verstehen will, muß man um ihr früheres Leben wissen: Die Uckermark war immer eine recht arme Gegend, in der vor allem Landwirtschaft und kleine Handwerksbetriebe vorherrschten. Vor allem bei den Bauern und Landarbeitern ging es nicht darum, besonders gut und fein zu essen, sondern es mußte vor allem reichlich und schwer sein und satt machen. Das Essen nahm der Bauer in seinem Kalit mit aufs Feld, einem Spankorb, der heute ein typisches Souvenir aus der Uckermark ist (siehe Bild). Die Menschen ernährten sich hauptsächlich von dem, was das Land hergab: Kartoffeln (die hier aus unerfindlichen Gründen "Nudeln" genannt werden; besuchen Sie dazu auch die Nudelseite!), Kohlrüben ("Wruken"), Erbsen oder im Winter Grünkohl. An Fleisch gab es das, was der Bauer im Stall hatte: Schwein, Rind, Hühner, zu besonderen Anlässen auch eine Gans. Da die Uckermark sehr wasserreich ist, hat auch Fisch hier immer eine große Rolle gespielt. Im folgenden finden Sie einige typische Gerichte in der Uckermark.Vorher möchte ich hier aber noch ein paar Worte zu meinem Lieblingsgericht sagen:

Zum Grünkohl

Diesem edlen Gemüse wird in der Uckermark leider noch nicht die Hochachtung zuteil, die es verdient. Mich verbindet seit meiner Kindheit mit dem grünen, wohlschmeckenden Kohl eine fast religiöse Beziehung. Das kam so:

In der Schule lernten wir im Literaturunterricht neben vielen anderen Gedichten die Ballade "Pidder Lüng" des Dichters Detlev von Liliencron. Sie handelt von dem friesischen Bauern Pidder Lüng, der aus Armut seine Steuern nicht zahlen kann. Darum zieht der hochgradig fiese Amtmann Henning Pogwisch aus Tondern eines Tages mit einer Schar Söldnern nach Sylt, um die Abgaben eigenhändig einzutreiben (schon damals waren die Finanzbeamten offenbar unerbittlich). Als sie polternd in die Stube Pidder Lüngs eindringen, sitzt dieser mit seiner Frau und seinen vielen Kindern um den Tisch bei ihrer täglichen kargen Mahlzeit- einer Schüssel Grünkohl. Der unsägliche Pogwisch schreit Lüng an: "Ihr freßt Euern Grünkohl nicht eher auf, als bis das Geld hier liegt zuhauf!" Als der elende Pogwisch auch noch in den Grünkohl spuckt, wird es Lüng zuviel: Er packt den Amtmann, zerrt ihn an den Tisch und stopft den Kopf des ekelhaften Gesellen in den glühendheißen Kohl, bis dieser nicht mehr zappelt. Leider war damals der Korpsgeist der Ritter sehr ausgeprägt: Pidder Lüng wird von den miesen Gestalten umgebracht und kann nur noch im Sterben rufen: "Lewwer duad üs Slav!" (Lieber tot als Sklave!)

Die Geschichte trieb mir damals Tränen der Wut und des Mitleides in die Augen, und ich verehrte fortan den Grünkohl, der verabscheuungswürdige Kerle vom Leben zum Tode beförderte. (Das ist kein Aufruf zur Gewalt gegen Finanzbeamte!!!) Diese Liebe hat sich bis heute erhalten. In meiner Kindheit und Jugend war Grünkohl der wichtigste Bestandteil des Weihnachtsfestes: Geschenke- ja, auch; Weihnachtsgans- na gut, weil es dazugehört. Aber Grünkohl war unentbehrlich. Er wurde üblicherweise in einem prall gefüllten, mindestens 20 Liter fassenden Plastesack gekauft. Dann wurde er mehrmals gewaschen (er hängt meist voller Sand). Anschließend streifte man die Blätter von der großen Mittelrippe ab. Das ganze wurde mit etwas Salzwasser im größten im Haushalt befindlichen Kochtopf aufgesetzt. Je mehr der Kohl zusammenfällt, umso mehr kann man nachstopfen, bis alles im Topf ist. Mit in den Topf kam ein großes Stück fetter Schweinebauch, der mit weichgekocht wurde. Wenn der Kohl gar war, wurde das Wasser zum großen Teil abgegossen (aufheben!) und er wurde kleingehackt (heute nehme ich dazu das Schlagmesser der Küchenmaschine). Nicht zu fein hacken, der Kohl darf nicht spinatmäßig werden, sondern soll noch grob sein. Wenn die Masse zu fest ist, kann man nach Bedarf etwas von der Kochbrühe zugießen. Anschließend dreht man den fetten, gekochten Schweinebauch durch den Fleischwolf und mischt ihn unter den Kohl. Jetzt noch mit Pfeffer und erforderlichenfalls Salz kräftig abschmecken- fertig! Man kann dazu Klöße essen oder auch Salzkartoffeln. Gans oder Ente schmecken dazu gut. Wenn man Kartoffeln und Fleisch wegläßt, dann schafft man aber mehr vom Grünkohl. Es empfiehlt sich, nach der üppigen Mahlzeit einen oder mehrere Boonekamp zu genießen und sich anschließend ein Stündchen hinzulegen.

Nun geht es aber zur Uckermärkischen Küche; ein Klick, und sie kommen zu den Rezepten:


Alte (und natürlich auch junge!) Uckermärker, die ein interessantes Uckermärker Rezept kennen, können es mir ja per e-Mail zusenden- ich freue mich drüber!

Hallo- sind Sie noch da oder schon zu den Rezepten verschwunden? Wenn Sie noch da sind:

Ein kleiner Seitenhieb noch...

Als jemand, der sehr gern kocht und ißt, kann ich mir einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: Wie haben es die Menschen in den Gebieten Deutschlands, in denen das Grundgesetz schon vor dem 3.Oktober 1990 galt -ja, so heißt das im Amtsdeutsch wirklich! Gemeint sind die "Wessis" ;-) - nur ausgehalten, was ihnen die Lebensmittelindustrie seit 40 Jahren als sogenanntes Essen vorsetzt?! Und jetzt hat es uns hier auch ereilt: Holländische rotgefärbte Wasserkugeln anstatt saftiger sonnenwarmer Tomaten; aufgeblasene Teigklumpen statt knuspriger Bäckerschrippen; eingeschweißte, nasse Schlabberscheiben statt einer ordentlichen Jagdwurst; einzeln verpackte EU-Norm-gerechte Riesenäpfel aus Neuseeland statt eines saftigen Gelben Köstlichen aus dem Havelland; fettige Hamburger zwischen pappigen Weichbrötchen statt einer knackigen Bockwurst mit scharfem Mostrich und Schrippe und, und, und... . 

Man ißt kaum noch was richtiges, sondern schlürft eine 5-Minuten-Terrine, nimmt "den kleinen Snack für zwischendurch, der leicht schmeckt und nicht belastet und gaaaaanz viel gesunde Milch hat" (fast einen halben Fingerhut voll!), löffelt einen Joghurt mit rechtsdrehenden abiotischen lebenden Bakterienkulturen oder drückt sich einen "Power-Riegel" rein. Und alles hat viele gesunde Vitamine, ist von Natur aus wertvoll und macht Spaß und schmeckt. Wenn man sich dann auch noch die Zutatenlisten ansieht, wundert man sich, daß angesichts von 40 Jahren Farbstoff E350, Geschmacksverstärker XY, Emulgator E 234 und dem ganzen anderen Teufelszeug die unglücklichen Bayern, Holsteiner oder Rheinländer noch nicht 4 Ohren oder 12 Finger haben.

Also, liebe Landsleute jenseits der Elbe, versuchts mal: Fahrt mal in ein Dorf oder eine Kleinstadt in Brandenburg oder Thüringen oder anderswo im Osten, geht in einen Bäcker und bestellt im Flüsterton ein paar "Ostbrötchen" (gibt es inzwischen wieder bei fast jedem Bäcker im Osten, der noch einen Funken Ehre im Leib hat); oder holt Euch beim Fleischer mal eine richtige Hausmacher- Leberwurst mit ordentlich Majoran oder ein kräftiges Stück Speck, Jagdwurst oder einen Kringel Knoblauchwurst. So muß das schmecken! Wundert es Euch denn, daß bei den Hiesigen manchmal (zumindest in Bezug auf das Essen) ein wehmütiger Hauch "Ostalgie" aufkommt...?


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Letzte Änderung: 9.2.2005
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