Uckermärkische Bräuche

Eiertrudeln, Heidendöpen, den Pelzbock durchs Dorf treiben- der Uckermärker pflegt bisweilen bizarre Rituale. Manche Bräuche haben schon jahrhundertealte Wurzeln.

Während ich grübelnd vor der Tastatur sitze und über uckermärkische Bräuche nachdenke, ziehen grausige Bilder deutschen Brauchtums vor meinem inneren Auge vorbei: Schützenvereine in adretten Uniformen stapfen im Gleichschritt durch die Innenstädte und frönen auf der Festwiese ihrem militanten Hobby. Schunkelnde Bajuwaren und zug´reiste Saupreiß´n brüllen "Oans, zwoa, gsuffa!" beim Oktoberfest, sofern sie sich noch nicht unter den Tisch gsuffan oder sich gegenseitig begöbelt haben. Bei rheinländischen Prunksitzungen sitzen aufgetakelte Fregatten neben ihren mit albernen Narrenkappen bedeckten Karnevals-Präsidenten-Gatten und johlen jedesmal pünktlich, wenn der Tusch das Ende des Witzes verkündet. Liebenswerte deutsche Leitkultur...

Nachdem ich mir jetzt den Zorn und den Haß der Lederhosenträger, Rheinländer und Schützenkönige zugezogen habe, weil ich ihre jahrhundertealten schönen Traditionen in den Schmutz gezogen habe: Entschuldigung. Jedes Volk hat seine geliebten Bräuche, die anderen fremd, bizarr und unheimlich erscheinen. Um etwas Verständnis für hiesige Traditionen zu wecken, möchte ich nachfolgend einiges über uckermärkische Bräuche schreiben. Sie mögen wiederum anderen Landsmannschaften seltsam und okkult anmuten, aber das Fremde bereichert doch auch die eigene Kultur.

Eiertrudeln

Zu Ostern zieht der Uckermärker mit seiner Familie oder Freunden sowie einigen hartgekochten Ostereiern hinaus ins Grüne. Neben dem allgemein gebräuchlichen Verstecken und Wiederfinden (oder auch nicht) der Eier sowie anderem Naschwerk wird dabei auch häufig einem sportlichen Wettstreit gefrönt: Dem Eiertrudeln. Man sucht sich dazu einen Hügel oder kleinen Berg, was wegen der flachen hiesigen Landschaft nicht ganz einfach ist. Dann läßt man sein Ei den Berg hinunterrollen, eben "trudeln". Alle anderen Teilnehmer machen das genauso. Jetzt gibt es verschiedene Versionen, wer gewonnen hat; das sollte man unbedingt vorher ausmachen: Entweder derjenige, dessen Ei am weitesten gerollt ist. Oder der, dessen Ei unbeschädigt geblieben ist. Oder auch der, der es geschafft hat, mit seinem Ei ein anderes zu treffen und es zu zertrümmern. Der Sieger der Runde darf die anderen Eier einkassieren. Man sollte genügend Eier mitnehmen, da bei einem harten Wettkampf ein ziemlicher Verschleiß eintritt.

Stüpen

Der Uckermärker hat es mit Ostern. Ebenfalls zu Ostern schneidet er sich frische Birkenzweige, die sogenannten "Stüpruten", vom Baum. Die werden dann gebündelt und dann geht´s auf Verwandte, Bekannte oder Freunde drauf: Zu dem lustigen Reim "Stüp, stüp, Osterei. Schenkst Du mir kein Osterei, hau ich Dir das Hemd entzwei." (Manchmal auch: "... hau ich Dir den Frack entzwei.") haut man ihnen die Stüpruten über den Rücken. Auf diese rabiate Weise bettelt man dann um Ostereier oder Süßigkeiten.

Osterwasser holen

Der Brauch des Osterwasser-Holens wird hier ebenfalls gepflegt. Die jungen Mädchen des Ortes ziehen am frühen Ostermorgen mit einem Krug oder anderen Behälter zur nächstgelegenen Quelle. Dort schöpfen sie vorsichtig den Krug voll Quellwasser. Auf dem Rückweg nach Hause mit dem vollen Krug in der Hand dürfen sie dann keinen Laut von sich geben und kein Wort sagen, was Frauen bekanntlich unsagbar schwer fällt. Zumal die jungen Burschen hinter allen Ecken und Hecken hocken und versuchen, die Mädchen zum Reden oder zum Quieken zu bringen. Den Mädchen, die es schaffen, schweigend mit dem Krug voll Wasser nach Hause zu kommen, winken Glück und ewige Schönheit.

Heidendöpen

Ich bin mir nicht sicher, ob es das Heidendöpen wirklich gab. Es spielt aber eine herausragende Rolle in dem uckermärkischen Kultbuch "Die Heiden von Kummerow" von Ehm Welk. Am letzten Schultag vor den Osterferien trafen sich dazu die Jungen aus dem Dorf am Bach. Was dann geschieht, kann man im ersten Kapitel des Buches nachlesen:
"Es war so Brauch am letzten Schultag, daß es für die Jungens der erste Tag war, an dem man barfuß lief und im Mühlbach watete. Wer es am längsten aushielt, im Wasser stillzustehen, wurde König und konnte sich unter den Mädchen, die mit Kränzen aus Sumpfdotterblumen am Ufer standen, eine Königin erwählen. Wofür man gern einen Schnupfen, Husten und noch Ärgeres in Kauf nahm. Besonders, wenn es der Pastor ausdrücklich verboten hatte..."
Wenn man dann allerdings weiterliest, merkt man, daß es wegen der Standesunterschiede mit dem König doch nicht so weit her war: Als Johannes Bärensprung aus dem Armenhaus das Heidendöpen gewinnt, wird er von seiner auserwählten Königin, nämlich Pastors Ulrike, verschmäht und von den Mädchen des Dorfes wegen seiner Armut verhöhnt, die ihm "König, König, Lumpenkönig" zurufen und wegrennen. An der Stelle im Buch hab ich fast geheult, wie der arme Johannes wütend, traurig, pitschnaß und gedemütigt auf der Wiese steht und zu allem Überfluß auch noch der zu große Kranz über seinen Kopf rutschte und nur von seinen Segelohren gehalten wurde.

(Wie sich doch die Bilder gleichen: Wer heute arm, arbeitslos oder Sozialhilfeempfänger ist, muß sich auch nicht selten- vornehmlich von "Besserverdienenden"- als arbeitsscheu und Sozialschmarotzer beleidigen lassen.)
  

Pelzbock

Heute nicht mehr gebräuchlich ist es, den Pelzbock durch das Dorf zu treiben. Bis in die 30-er Jahre des 20.Jahrhunderts wurde dieser Brauch aber in einigen uckermärkischen Dörfern noch gepflegt. "Pelz" war damals die Bezeichnung für einen riesigen, fetten Pfannkuchen, der in Butter, Schmalz oder (bei den armen Leuten) in Leinöl ausgebacken wurde. Am Silvesterabend wurde der Pelzbock hergerichtet, indem ein junger Mann in Erbsstroh-Seilen völlig eingewickelt wurde. Er wurde an eine Kette gelegt und vier andere Burschen trieben ihn durchs Dorf. Dazu spielten sie mit Teufelsgeige und Handorgel. Mit ihnen gingen 2 weitere junge Männer durchs Dorf, die als "Stutenfrauen" (fragen Sie mich nicht, was das ist) verkleidet waren. Sie sammelten in ihren großen Henkelkörben Gaben bei den Dorfbewohnern ein: Die oben genannten "Pelze", Kuchen, Schnaps, Wurst und Speck. Manchmal gab´s auch Geld. Mit ihrer Beute feierten die Burschen dann Silvester. Seit einigen Jahren wird dieser Brauch in Kleptow bei Prenzlau wiederbelebt.


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Letzte Änderung: 29.1.2005
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