Ich fahr' an die Küste

Tag 6: Boiensdorf - Wismar (23 km)

Der letzte Tag - Finale und etwas Wehmut.

Rinder in BoiensdorfDer letzte Tag. Wie immer stehe ich um 07.00 Uhr auf. Diesmal ist es völlig still. Waschen, frühstücken, packen und dann geht es auf die letzte Etappe. Neben dem Eingang zum Campingplatz grasen riesige, etwas wüst aussehende Rinder - bloß gut, dass die so friedlich sind.

Wegweiser des Ostseeküsten-RadwegesGemächlich strample ich von Boiensdorf die letzten 23 Kilometer in Richtung Wismar, vorbei an der Insel Poel und entlang der Wismarbucht. Ein letztes mal sehe ich den Wegweiser, der mich über mehrere Hundert Kilometer begleitet hat. Eigentlich hat alles prima geklappt: Das Wetter war ideal, in der Vorsaison war überall noch Platz auf den Zeltplätzen, keinerlei Pannen. Nur einen speziellen Radfahrer-Schlüpper werde ich mir wohl mal zulegen: Trotz Gel-Sattel konnte ich gar nicht so viel Vaseline auftragen, wie ich gebraucht hätte...

Geschafft: Im Hafen von WismarUnd  dann habe ich es geschafft: Nach 6 Tagen und insgesamt 544 Kilometern bin ich im Hafen von Wismar angekommen. Einmal von zu Hause bis ans Meer gefahren und die Ostseeküste von der polnischen Grenze bis hier abgefahren - was für ein Erlebnis. Ich sitze etwas wehmütig im Hafen, weil es nun vorbei ist. Es waren spannende, wunderschöne Tage in einer großartigen Landschaft. Was für einen schönes Land ist doch Deutschland. Und wie schön war es, einfach nur Tag für Tag am Meer entlangzufahren. Das war bestimmt nicht das letzte mal. War auf der Karte nicht auch eine Runde um Rügen eingezeichnet...?

6 Tage Männerfreiheit. 6 Tage Meer, Wind, Sand, weiße Gischt und Möwen. 6 Tage einfach nur fahren, schauen, stöhnen, staunen, trinken, schlafen. 6 Tage nur einfache, elementare Dinge denken. Also: Die Welt vergessen. Nur den Moment genießen. Einfach nur am Meer entlangfahren. Was für eine Woche!


"Ich fahr an die Küste,

nach Hause,
zu den Möwen und dem Wind..."

(Transit: "Ich fahr' an die Küste")

P. S.: Während der Tour ging es mir mehrmals durch den Kopf - hatte ich vor 35 Jahren nicht schon mal atemlos ein Buch von einem Jungen verschlungen, der auch am Meer mit seinem Fahrrad entlangrollte? Einige Tage nach meiner Rückkehr frage ich in der Stadtbibliothek, ob ich als Erwachsener auch legal ein Buch aus der Kinderbibliothek ausleihen kann. Die Bibliothekarin guckt mich etwas seltsam an, führt mich dann aber an den Buchrücken in der Kinderbibliothek entlang - Knabberbücher aus Plaste, Vorschulalter, Erstlesealter, 8 bis 12 Jahre - da ist es!

Und so liege ich einige Tage später noch einmal am Strand von Koserow und lese Benno Pludras "Die Reise nach Sundevit". Ich lasse mich fesseln von Timm Tammers Abenteuern, der allein mit seinen Eltern am Meer wohnt, mit den Kindern nach Sundevit reisen darf, aber erst Heinrich Bradenkuhl seine Brille und Herbertchen den kalten Tee von Mutter zum Mähdrescher auf's Feld bringen muss, noch etlichen anderen Leuten hilft, die Kinder und schließlich das Schiff verpasst und dann ganz allein und einsam mit seinem Campingbeutel im Hafen steht - bis der lange Herrmann doch noch auftaucht, ihn ins Gemüseauto zerrt und sie den Kindern hinterherjagen - nach Sundevit, am Meer. Mir steigt es heiß in die Augen und ich denke: Was hatten wir doch für großartige Kinderbücher!


Diese Seite im WWW: www.heikostreich.de/ostseeradtour/ostseeradtour6.htm
Letzte Änderung: 20.03.2010
Impressum | Übersicht | E-Mail