Ich fahr' an die Küste

Tag 3: Koserow - Altefähr (118 km)

Am dritten Tag verlasse ich Deutschlands Sonneninsel Usedom, setze mich eventuell radioaktiver Strahlung aus und bewältige einen 20 Kilometer langen Härtetest für Mensch und Maschine.

Wecken mit BaggerNachts um 07.00 Uhr wird das leise Zwitschern der Vögel plötzlich von infernalischem Lärm verdrängt. Mit lautem Rasseln, Klappern und Gedröhn schüttet ein riesiger Bager unmittelbar neben dem Zeltplatz einen großen Sandwall auf. Er soll wohl die Bewohner der dahinterliegenden Ferienhaussiedlung vor dem Anblick des Pöbels in den Zelten auf dem Campingplatz schützen. Na toll; ich wollte auch gar nicht mehr schlafen. Also aufstehen, waschen, ein karges Frühstück mit einer Flasche Mü**er-Milch und zwei Keksen, Zelt abbauen, packen und auf geht es zur dritten Etappe. Als ich noch etwas verpennt durch Koserow rolle, bleibt mein Schild an dem "Großes Frühstück nur 4,50 EUR"-Schild eines Fleischers hängen. Das ist dann doch mal ein ernsthaftes Frühstück: Brötchen, Butter, Ei, Wurst, Käse, viel Kaffee schiebe ich genüßlich schmatzend auf der sonnenbeschienenen Terrasse in mich hinein - so fängt ein Tag gut an.

Seebrücke in ZinnowitzImmer am Meer entlang fahre ich über Zempin nach Zinnowitz. Die Sonne scheint, der Weg führt hinter den Dünen auf dem Deich entlang, zunächst mit Pflaster, später dann auch mal ein Stück Schotter. In Zinnowitz herrscht bei 19 Grad Luft und 16 Grad Wasser schon frohes Badeleben. Ich schaue auf der Seebrücke noch eine Weile auf's stille blaue Meer und nehme dann Abschied von Usedoms Küste und auch vom Radweg Berlin-Usedom - der führt noch weiter bis Peenemünde, aber da will ich diesmal nicht mehr hin.

Brücke in WolgastDurch's Usedomer HinterlandHinter Zinnowitz biege ich bei Trassenheide dann ab in Richtung Wolgast. Das Usedomer Hinterland grüßt mit wogenden Getreidefeldern und duftenden Wildrosen, während ich streckenweise auf üblen Schotterpisten unterwegs bin. In Wolgast verlasse ich dann Usedom und es geht wieder rüber auf das Festland, wo ich mich wegen der etwas verwirrenden Beschilderung dann erst mal ein wenig verirre. Schließlich finde ich aber den Ostseeküstenradweg nördlich von Wolgast wieder, auf dem ich neben der Straße in Richtung Norden strample.

Peenemünde aus der FerneHafen in FreestVon meinem Weg aus kann ich in der Ferne jenseits des Peenestroms die Anlagen von Peenemünde erkennen. Einige Kilometer weiter - es wird allmählich ziemlich heiß und die Sonne brennt herab - gelange ich zum Fischerhafen in Freest. Es sieht sehr romantisch aus, obwohl es wegen der Fangquoten und der geringen Erlöse wohl ein ziemlich harter Beruf ist. Im Dorfkonsum fülle ich mit ein paar Flaschen Fruchtprickler (komisch: wenn man seine Apfelschorle Fruchtprickler nennt, braucht man offenbar kein Einwegpfand nehmen) und Mineralwasser meine Flüssigkeitsreserven nach. Immer nur Friedhofswasserhahn-Wasser ist auch nicht das Wahre, da fehlen dann doch die Mineralien.

Kernkraftwerk GreifswaldDurch die heiße Lubminer Heide gelange ich zum stillgelegten Kernkraftwerk Greifswald, das eigentlich bei Lubmin liegt. Ich stehe dicht vor den ehemaligen Kraftwerksblöcken, es wirkt ziemlich gruslig und ich frage mich insgeheim: Hätte ich das überhaupt fotografieren dürfen? Und muss ich mir Sorgen machen, dass ich den Rest meines Lebens selbst floureszieren werde? Dort rennen aber ziemlich viele Leute rum, so schlimm kann es also nicht sein. Also weiter; mir knurrt der Magen und ich träume von Fischbrötchen oder Räucherfisch mit Bratkartoffeln an der Lubminer Strandpromenade mit einem kühlen Bier. - Negativ. Ich finde keine Strandpromenade in Lubmin. Auch keine Fischbrötchen. Und kein Bier. Eigentlich gar nichts. Der Radweg führt serpentinenartig durch die eher öderen Teile Lubmins und dann raus aus dem Ort. Während in der Ferne der Greifswalder Bodden blinkt, naht aber Rettung: Direkt am Weg liegt in Gahlkow Siedlung das Lokal "Boddenblick". Ich justiere mich auf der Terrasse so, dass ich tatsächlich den Bodden erblicke und nach einem Kaßlerkotelett mit einem Weißbier geht es mir wieder besser und ich kann die nächsten Kilometer in Richtung Greifswald in Angriff nehmen.

Klappbrücke in WieckAm Ryck in GreifswaldEin Stück durch ein Naturschutzgebiet, ein Stück an der Landstraße entlang, durch Eldena und ich erreiche Wieck mit seiner markanten Klappbrücke. Nach links gewandt, und die nächsten Kilometer rolle ich auf einem wunderschönen Abschnitt immer am Ryck entlang ins Zentrum von Greifswald.

Pause in GreifswaldOch, ist das schön! In Greifswald am Wasser sitzen, Blick auf den Hafen, ein Bier vor sich - so könnte ich noch eine Weile ausruhen, zumal mir die Gräten, vor allem das linke Knie, ziemlich schmerzen. Greifswald ist ja eine Universitätsstadt und ich finde alle hässlichen Vorurteile über Studenten bestätigt: Statt im Hörsaal den Dozenten zu lauschen oder in der Bibliothek über die Bücher gebeugt zu sitzen, haben sich offenbar ausnahmslos alle Studenten am frühen Nachmittag hier in den Freiluftgaststätten und Bootshäusern eingefunden.

Entlang der B96...... auf brutalem KopfsteinpflasterIch muss leider weiter, schließlich will ich noch Stralsund erreichen. Erst mal macht der Radweg einen gewaltigen Schlenker, um dann bei Mesekenhagen wieder auf die B96 zu treffen, neben der der Radweg schnurstracks nach Stralsund führen wird. Das grüne Blätterdach schließt sich über mir, angenehmer Schatten - doch was ist das?! Wo ist der Radweg? Karte hervor - oh nein! Die alte gepflasterte B96 ist der Radweg, wie mir der in winziger Schrift gehaltene Schriftzug auf der Karte verheißt! Nach wenigen Metern blättere ich verzweifelt die Karte um - wie weit soll das so gehen? Waaaas? Noch etwa 20 Kilometer?!

Unterwegs auf dem Holperweg"Dieser-Weg-ist-ein-Alptraum!" werde ich während der Fahrt in mein Mobiltelefon diktieren, mit dem ich während der Fahrt meine Eindrücke festhalte. Am Fahrrad klappert alles, ich fürchte, dass mir die Plomben rausfallen, jeder Holper lässt die Bandscheiben gequält knirschen - es sind die schlimmsten 23 Kilometer der gesamten Tour. So geht es bis Reinberg, wo ich ein paar Flaschen Wasser kaufe, so geht es weiter bis Brandshagen und bis kurz vor Devin. Doch dann sehe ich von weitem die Werfthallen von Stralsund, habe zum Zeltplatz telefoniert und mir einen Platz ergattert, rolle ein Stück bergab und juble, eigentlich ist das doch eine irre Tour. Wo Schmerzen sind, ist noch Leben!

Zeltplatz in AltefährUnd dann rolle ich über den Rügendamm hinüber nach Rügen, zum Zeltplatz in Altefähr. Für 10,50 EUR kann ich mein Zelt aufbauen; wie üblich in der hintersten Ecke des Zeltplatzes, der fast vollständig mit Wohnwagen belegt ist. Mir tut alles weh und ich bin froh, am Ziel zu sein. Um mich herum viele Radfahrer; die meisten wollen Rügen umrunden. Während ich eine olle kalte Stulle und eine kalte Wurst runterwürge - es gibt kein Lokal auf dem Zeltplatz - grolle ich innerlich einem nahen Verwandten, der mich ausgelacht hat: "Was willst Du denn mit einem Kocher? Auf den Zeltplätzen sind doch überall Kneipen! Schlepp Dich doch damit nicht ab!" Um mich herum fauchen die Kocher, blubbern nahrhafte Tütensuppen und schmurgeln Nudelpfannen mit Gulasch... Na ja, wenigstens duschen kann ich in einem etwas engen Sanitärgebäude. Irgend etwas habe ich aber mit dem "Draußenschuhe-aus-und-Badelatschen-an!"-Gebot falsch gemacht: Drahtige Mittsechziger mit braungebrannten freien Oberkörpern und ledriger Haut, die wohl den ganzen Sommer auf dem Zeltplatz wohnen und auch duschen wollen, schauen mich an, als wenn ich 3 Tage Dunkelhaft verdient hätte. Egal, ich habe heute 118 schwere Kilometer geschafft, wanke zu meinem Zelt, krieche hinein, leide ein bißchen und schlafe zwischen Mückengesumm und dem lauten Lachen der anderen Radwanderer in der lauen Nacht irgendwann selig ein.


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Letzte Änderung: 21.02.2010
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