Ich fahr' an die Küste

Tag 2: Murchin - Koserow (76 km)

Der zweite Tag führt durch subalpines Gelände, ich erreiche das Meer und freue mich über den Wiederaufbau der Koserower Salzhütte.

Zecheriner BrückeKurz vor UsedomMorgens wache ich schon um 03.30 Uhr auf; es wird schon hell, die Vögel zwitschern. Bis 8 Uhr hält es mich im Zelt, dann raus, waschen, Frühstück, Abschied vom netten Herbergsleiter und wieder rauf auf die Piste. Die ersten Kilometer fahre ich noch auf der Straße, was bei dem Verkehr nicht angenehm ist, aber dann geht es weiter auf dem asphaltierten Radweg. Dort bin ich nicht der Einzige; es sind schon eine ganze Reihe Radler in leichtem Nieselregen unterwegs. Hatte der Wetterbericht nicht Sonnenschein angekündigt? Der Anblick eines Adlers in der Peeniederung entschädigt mich aber für das Wetter. Schließlich erreiche ich die Zecheriner Brücke und zelebriere die Überfahrt über die Peene nach Usedom - hurra, ich bin auf der Insel!

Hubbrücke in KarninEs geht nicht auf dem kürzesten Weg an die Küste - der Radweg führt in einem weiten Bogen durch das Usedomer Hinterland, damit man auch dort was von den Radtouristen hat. Und so gelange ich kurz hinter der Zecheriner Brücke zur ehemaligen Eisenbahnhubbrücke bei Karnin. Einst fuhren hier die Züge aus Berlin hinüber nach Usedom; ich werde später noch mehrmals den ehemaligen Bahndamm erblicken. Jetzt sitze ich aber erst mal bei Bockwurst und Kaffee am Wasser, bestaune das stählerne Technikdenkmal und sehe die kleine Fähre aus Kamp herübertuckern. Ihr entsteigen - die beiden Ladies von gestern, die ich in Mönkebude auf den unseligen Waldweg verwiesen habe. Wir begrüßen uns mit fröhlichem "Hallo!" und ich frage, ob sie abends auch noch durch's Peenemoor gefahren seien; sei doch eine  unheimliche Stimmung gewesen, was?! Es fällt ein Schatten auf ihre Gesichter und eine der Seniorinnen sagt mit etwas gepresster Stimme, wenn sie den Weg vorher gekannt hätten, wären sie dort nie langgefahren. Sie hätten in Bugewitz übernachtet und seien nun mit der Fähre rübergekommen.

Ehemalige Eisenbahnbrücke bei GarzDer schmalste Trabbi UsedomsKilometer für Kilometer strample ich dann durch das Hinterland von Usedom, durch kleine Dörfer und Städtchen, wie Usedom, Stolpe, Dargen, Zirchow, Garz usw. Bei Dargen sehe ich den schmalsten Trabbi Usedoms. Außerdem stelle ich fest, dass die Strecke erneut eine weitgehend imbissfreie Zone ist. Unglücklicherweise brauche ich alle zwei bis drei Stunden was zu essen, damit mir nicht schlecht wird vor Hunger; meine Verwandten ziehen mitunter schon unangemessene Vergleiche mit den Hobbits ("Aber Herr Frodo - was ist mit drittem Frühstück?! Wir sind doch schon wieder fast eine Stunde unterwegs?!"). Mit knurrendem Magen schleppe ich mich vorbei am Regionalflughafen bei Garz, durch die Brücke des ehemaligen Bahndammes - und dann wird es heftig: Woher stammt eigentlich der Begriff "Norddeutsche Tiefebene"? Ich zermartere mein Hirn, an welcher Stelle der glazialen Serie die Eisberge 16%-ige Steigungen hinterlassen haben sollen und warte jeden Moment auf das Ortseingangsschild von Alp d'Huez.

Am Meer - Seebrücke AhlbeckUnd dann, dann habe ich es geschafft. Noch ein kleiner Schlenker in Ahlbeck, ein paar Hundert Meter durch den Wald - und ich stehe am Meer! Geschafft! Über insgesamt 169 Kilometer mit eigener Kraft ans Meer gefahren! Ich stehe auf der Seebrücke in Ahlbeck, lasse mir die salzige Luft ins Gesicht wehen, sehe und höre die tosenden Wellen, das blaue Meer und den Horizont. Nee, ist das schön! Es ist ein völlig anderes Ankommen, als mit dem Auto in zwei Stunden hochzurasen. Die Ostsee!

Ich lasse eine Weile den Moment auf mich wirken, um mir anschließend in den Strandterrassen den Bauch mit Spirelli mit Gulasch und einem Erdinger bleifrei zu füllen. Ich merke richtig, wie die ausgelutschten Muskeln sich wieder mit Muckis füllen.

Halsbrecherische Strecken bei BansinNoch eine SeebrückeFrisch gestärkt geht es dann an der Küste weiter. Der Radweg Berlin-Usedom wird hier jetzt auch der Ostseeküsten-Radweg, auf dem ich die nächsten Tage weiter will. Zunächst geht es auf der Uferpromenade durch die Kaiserbäder; es herrscht geradezu Kolonnen-Radverkehr, dazwischen lauter Nordic Walker (selbst junge Männer marschieren in würdeloser Weise dort mit). Zwischen Bansin und Koserow führt der Weg zum Teil durch Wälder, mit steilen Aufstiegen und halsbrecherischen Abfahrten mit 16% Gefälle. Ich mache drei Kreuze, dass ich einen Helm trage; sieht zwar ausgesprochen peinlich aus, aber eine Schussfahrt mit wackligem Gepäck hinten drauf lässt schon mal die Nerven flattern. Die kilometerlange Passage am Zeltplatz Ückeritz macht mir etwas Angst: Wenn ich auf einem Zeltplatz frage, ob ich ein Zelt aufbauen darf, halten die mich womöglich für einen Perversen. Offenbar sind Campingplätze heutzutage Wohnwagenstellplätze, wo echte Zeltler als Sonderlinge in die ungemütlichen Ecken abgeschoben werden.

Zeltplatz Am Sandfeld in KoserowGegen 17 Uhr erreiche ich schließlich Koserow und beschließe, dass es für heute reicht. Koserow ist unser bevorzugter "Wir-fahren-im-Sommer-mal-nach-Usedom-baden"-Ort; hier ist es schön und nicht so ein Schicki-Micki wie in den drei Kaiserbädern. Für 9,50 Euro (einschließlich des Rechts, zu duschen) finde ich ein  Plätzchen unter Kiefern auf dem Campingplatz "Am Sandfeld", baue mein Zelt auf und flitze dann noch mal runter in den Ort, Klopapier kaufen. Selbiges gehört auf Campingplätzen wohl nicht zur Standardausrüstung, worauf mich die Frau im Empfang ausdrücklich hinweist.

Möwen greifen Menschen anSalzhütten in KoserowAch was freue ich mich, als ich unten am Strand die Salzhütten wiederfinde! Die Fischgaststätte mit dem besten Räucherfisch nördlich von Gibraltar war letztes Jahr abgebrannt und ist nun wieder aufgebaut - was für ein Glück! Und Peting un sien Treckfiedel spielt auch wieder wie immer seit vielen Jahren schwermütige Seemannslieder. Ich sitze draußen, esse geräucherten Rotbarsch mit Bratkartoffeln, finde Rostocker Pils nicht mehr sooo schrecklich wie zu DDR-Zeiten und schlendere abends dann noch auf die Seebrücke. Ein BILD-Zeitungsausschnitt am Rettungsschwimmerturm warnt: "Möwen greifen Menschen an!". Ich grinse über die Dämlichkeit des Schreiberlings und weiß noch nicht, dass ich zwei Tage später noch mal an den Artikel denken werde. Schließlich bette ich zufrieden mein Haupt im winzigen Zelt und schlafe erschöpft ein.


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Letzte Änderung: 06.02.2010
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