Tag 2: Das Bodetal · Im Canyon

Ziemlich zeitig am Morgen wache ich krumm und schief auf. Um acht Uhr muß ich spätestens vom Parkplatz weg sein, weil es ab dann Gebühren kosten wird und bestimmt der Parkplatzwächter mit dem großen Knüppel kommt. Ich mache eine bescheidene Morgen- Waschung, stelle den Normalzustand des Autos wieder her und esse eine vom Vortag übrig gebliebene Klappstulle mit Mineralwasser dazu. Ich würde was für einen Kaffee und 2 knusprige Brötchen geben, aber zu so einer unchristlichen Zeit hat noch nichts auf.

Durch die einsamen morgendlichen Straßen fahre ich nach Thale. Am Friedenspark, in der Nähe des Einganges zum Bodetal, stelle ich das Auto ab und lege die Wanderausrüstung an. Als ich in Richtung Bodetal gehe, denke ich an meine Kindheit zurück, als ich mit 9 oder 10 Jahren zweimal im Ferienlager in Thale war: Einmal verbrachten wir 2 Wochen in einer Schule direkt am Friedenspark, das zweitemal in einem "Kampfgruppenobjekt" direkt am Eingang des Bodetals. (Für Nicht-Ossis: Was Kampfgruppen waren erfahren Sie hier.) Irgendwie sieht es dort immer noch so aus wie in den Siebzigern: Der Park, die Kirche, die "Kaffeebohne" (eine Kuhle im Park, wo man Fußball spielen konnte), die Häuser am Park- viel verändert hat sich seitdem nicht.

Die schäumende BodeAls ich die Bode überquere, sehe ich, daß sich doch einiges verändert hat. Bis vor einigen Jahren stand neben der Talstation nur eine HO-Bockwurstbude.  In der Umgebung der Talstation der Schwebebahn gibt es jetzt einen Abenteuerspielplatz für Kinder mit Sachen, die ich am liebsten selbst mal ausprobieren würde: Trampolin, Mini-Autos, Hexenbesen und solche tollen Sachen. Allerdings ist noch zu- genauso wie das Bistro in der Talstation, wo mein Traum von Brötchen und Kaffee dahinschwindet.

Also wandere ich unverdrossen los in Richtung Bodekessel. Eine Frau auf einem Fahrrad, die wohl zur Arbeit fährt, überholt mich und sieht mich an, als wäre ich irgendwie gestört. Würde ich wahrscheinlich auch von jemand denken, der morgens um 7 Uhr an einem Sommertag allein durchs Bodetal wandert.

Ich komme an den großen, in der schäumenden Bode liegenden Felsbrocken vorbei, zu denen wir als Kinder oft durch den Fluß hingewatet sind, um anschließend stolz, aber betont gelangweilt dreinblickend darauf herumzusitzen. Heute staune ich manchmal, welche Freiheiten uns die Erzieherinnen im Ferienlager damals gelassen haben, daß wir 9-jährigen Stippis allein dort hinlaufen und im Fluß rumturnen durften. Wir fanden das jedenfalls toll. Außerdem konnte man dann auch in Ruhe den "Bodeachat" sammeln, was solche blauen Steine waren, die im Fluß häufig zu finden waren.

Gaststätte KönigsruheEinige Schritte weiter komme ich in den Hirschgrund. Früher hieß auch die Gaststätte so, in der man draußen direkt an der Bode auf wunderbaren harten Holz-Eisen-Klappstühlen sitzen konnte und als Kind eine Faßbrause, als Erwachsener ein Bier trinken konnte. Jetzt heißt die Gaststätte wieder Königsruhe, was mich etwas merkwürdig berührt. Aber warum sollte es hier auch anders sein als anderswo im Osten, wo man nach der Wende die Straßen des Friedens, die Plätze der Freundschaft oder der Nationen und die vergleichbaren Orte wieder in die Friedrichstraßen, die Königsalleen, den Luisenplatz und all die anderen Adels-Gedenkmeilen umbenannt hat. Jedenfalls hat auch die Königsruhe noch zu, und mein Magen beginnt allmählich zu rebellieren.

Der Bodekessel- Bodos GrabDer Weg wird etwas steiniger. Ich komme am Goethefelsen vorbei, der eigentlich nur ein großer flacher Stein in der Bode ist. Noch einige Minuten weiter gelange ich dann zur Teufelsbrücke und erreiche schließlich den Bodekessel. Hier brodelt das Wasser tief unten in einer Art Canyon, in den sich die Bode in Jahrmillionen hineingeschnitten hat. Irgendwo da unten soll nach der Sage von der Roßtrappe (übrigens eine meiner Lieblingssagen als Kind) ein großer schwarzer Hund alias Bodo sitzen und die in die Tiefe gestürzte Krone der von ihm verfolgten Prinzessin Brunhilde bewachen. Mein Mitleid mit ihm hält sich in Grenzen; schließlich hat er die unglückliche Brunhilde verfolgt, die wenigstens den Sprung über das Bodetal geschafft hat, während Ritter Bodos Klepper wohl etwas zu schwach dafür war und in die Tiefe stürzte.

Ich entschließe mich, hier umzukehren, da ich noch auf den Hexentanzplatz will. Zu meiner großen Freude ist an der Gaststätte Königsruhe hinter dem Fenster eine Wirtsfrau zu sehen, die mir schließlich einen Kaffee und eine Bockwurst mit Brötchen rausgibt. Ich setze mich an einen der Tische am Wasser und bin froh, etwas in den Magen zu bekommen. Manchmal können einen so einfache Dinge wie ein Kaffee und eine Bockwurst glücklicher machen als das beste Festessen.

Als ich dann zurück zur Talstation der Hexentanzplatz-Seilbahn marschiere, kommen mir die ersten Wanderer entgegen. Das Wetter wird inzwischen auch besser, und sogar die Sonne kommt raus. Auf zur letzten Etappe...
 

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Letzte Änderung: 24.11.2004
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