Tag 1: Der Brocken · Aufstieg

Es ist nicht ganz einfach, in den Harz zu kommen, zumindest von Norden: Hat man in Magdeburg die Autobahn verlassen und hat auf der B81 schon die ersten Berge vor Augen, heißt es in Halberstadt: Unsere Brücke ist etwas wacklig- bitte fahren Sie einen schönen großen Bogen durch unsere Stadt. Ein paar Kilometer weiter in Blankenburg: Wir bauen unsere Durchfahrtsstraße- fahren sie um die Stadt herum. In Elbingerode, den eigentlichen Zielort Drei Annen Hohne (von dem ich ursprünglich loswandern wollte) fast vor Augen: Die Direktverbindung ist eine große Baustelle- bitte nehmen Sie einen kleinen Umweg über Elend. Aufschwung Ost ist ist ja eine schöne Sache, aber wenn man irgendwann nicht mehr weiß, wo man eigentlich ist... Nun ja, nach 5 Stunden Fahrt erreiche ich dann endlich Schierke und beschließe, den Ort als Ausgangspunkt für den Gipfelsturm zu nehmen.

Wegweiser zum BrockenAuf dem Parkplatz ziehe ich die Wanderschuhe an, schnappe Rucksack und Wanderstock, stapfe los zum Waldrand, versuche mich zu orientieren- und damit beginnt das Problem. Vorsorglich habe ich meine 1991-er "Auto- und Wanderkarte Harz" eingepackt, die stolz mit dem Logo "Der ganze Harz" geschmückt ist. Als wir Anfang der 90-er Jahre in Trautenstein waren, war dies die erste Karte, auf der sowohl der Ostharz als auch der Westharz eingezeichnet waren. Der Ostteil basiert auf Kartenmaterial aus der DDR. Ich versuche zunehmend verzweifelt, die Karte mit dem Gelände in Übereinstimmung zu bringen, was ich nach einer Weile aufgebe. Die Karte hat mit der Realität nicht einmal entfernte Ähnlichkeit: Wo auf der Karte Wege eingezeichnet sind, muß man sie in den letzten 12 Jahren sorgfältig von der Erdoberfläche beseitigt haben. Und wo breite Wanderwege den Wald durchziehen, ist auf der Karte undurchdringliches Dickicht eingezeichnet. Da ich mal annehme, daß sich das Wegenetz in 12 Jahren nicht so gravierend geändert hat und auch die Kartographen der DDR ja sicher nicht doof waren, haben wohl die "zuständigen Organe" der DDR dafür gesorgt, daß die Karten diesen ehemals im Grenzgebiet gelegenen Ort total falsch darstellen. Ich stecke meine wertlose Karte ein und orientiere mich fortan nur noch an der sehr guten Beschilderung der Wanderwege.

An einem Bächlein helle...Ich nehme den "Neuen Weg" und tauche nach wenigen Schritten in den Wald ein. Das ist es, was mir zu Hause fehlt: die dunklen, raunenden Wälder. Irgendwie sind sie viel düsterer als die großen Kiefernwälder meiner märkischen Heimat, was wohl daran liegt, daß im Harz viele Fichten- und Buchenwälder vorherrschen, die weniger Licht durchlassen. Der Weg ist gesäumt von gewaltigen Felsbrocken, und nach einiger Zeit gelange ich an einen kleinen Bach, der den Weg kreuzt und sogar noch Wasser führt- fast ein Wunder nach nunmehr 6 Wochen sengender Hitze und absoluter Trockenheit in diesem Jahrhundertsommer 2003. Es ist herrlich, sich das klare, sprudelnde Wasser über den Kopf zu kippen.

BrockenbahnWenige Schritte weiter gelange ich an den Bahnübergang der Brockenbahn, und es kommt auch gerade ein Zug. 'Glück gehabt', denke ich, 'daß er gerade jetzt kommt. Kannst du ja ein Foto machen.' Später merke ich, daß die Züge fast im S-Bahn-Takt fahren und alle Nase lang an mir vorbeischnaufen. Was mich am meisten wundert: Das sind ja dampf- und funkenspeiende Schmalspurloks, die da mitten durch den dichten Wald fahren. Nach wochenlanger Dürre wird man täglich dreimal ermahnt, um Gottes Willen keine Zigarette im Wald anzumachen (nein, ich bin Nichtraucher) und jeden Funken zu vermeiden, um keine Waldbrände zu verursachen. Und die feuerspeienden Dampfrösser fahren ungerührt -zig mal täglich hin- und her?! Die Vorstellung, mit dem Zug auf IHN hinaufzufahren, liegt ohnehin außerhalb meines Vorstellungsvermögens- der Respekt gebietet es einfach, IHN bei der Erstbesteigung zu Fuß zu erklimmen.


Alte BobbahnHinter dem Bahnübergang entdecke ich an einer Schutzhütte ein Schild, das mich darüber belehrt, daß ich gerade die "Alte Bobbahn" hochgewandert bin. Grundgütiger- wenn ich mir überlege, daß die da früher mit ihren Bobs runtergedonnert sind, und das mit Hundert Sachen! Ich entscheide mich, auf dem "Bahnparallelweg" weiterzuwandern, da das Schild am Eckernloch einen steilen Anstieg verheißt, was mich als Lowlander natürlich begeistert.

BahnparallelwegWährend ich weiter durch den herrlichen Wald wandere, gehen mir wunderliche Gedanken durch den Kopf: Heute ist just der 13.August- vor 42 Jahren wurde die Mauer gebaut, die dazu führte, daß der Brocken etwa genauso fern war wie die Antarktis. Und der Wurmberg, den ich immer wieder sehen kann, war ganz und gar  unerreichbar, da er einige Kilometer jenseits der Grenze lag. Was mich allerdings wundert: Ich begegne während des Auf- und Abstiegs kaum einer Menschenseele, und auch oben auf dem Gipfel ist es nicht gerade belebt. An sich freut mich dies ja. Ich kann mich nur noch gut daran erinnern, daß ich einmal Anfang der 90-er Jahre vom Wurmberg mit dem Fernglas zu IHM herüberblickte. Da zog sich die Brockenstraße eine endlose Menschenschlange zu IHM hinauf, die aussah wie die Goldgräberkarawane über den Chilcoot-Paß in Jack Londons "Lockruf des Goldes".


Am EckernlochAm Eckernloch wird es dann felsig. Des Flachländers Herz macht einen Hüpfer, denn nun geht es eine ganze Weile steil aufwärts über riesige Steinbrocken. Ich passiere zunächst die 900 m über NN-Marke, nach einiger Zeit erreiche die 1000 m Höhe. 1000 m- die Luft wird dünn...Dem Himmel einen Kilometer näher! Allmählich haben es die Bäume hier oben ziemlich schwer; ich sehe allenthalben ziemlich tote Fichtenstämme, die kahl und ohne Nadeln in den Himmel ragen. Ich lese später in dem interessanten Heft über IHN, daß dies nicht so sehr an der Höhe liegt, sondern vor allem am starken Wind auf IHM.  Das Klima auf dem 1.142 Meter hohen Brocken soll so sein wie in 2.000 Meter Höhe in den Alpen.
 

Der Wald hat es schwer...Kurz darauf ist der steile felsige Steig zu Ende und ich stehe unvermittelt auf der Brockenstraße. Etwas weiter passiere ich das Gleis der Brockenbahn, wo eine Feuerwehr steht und ein paar beherzte Feuerwehrmänner mit einer tragbaren Kübelspritze losstapfen. Aus ihrem Funkgerät plärrt eine Stimme, daß es nur ein kleiner Brandherd von ein paar Quadratmetern sei. Ich mache mir so meine Gedanken über Waldbrandwarnstufe 4 und qualmende Dampfloks....


Noch einige Schritte die Brockenstraße bergauf...


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Letzte Änderung: 22.11.2004
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